24.3.26 Medea - ein Haus, das nicht schweigt
- tr7079
- 24. März
- 2 Min. Lesezeit
Ich betrete das Sanatorium Medea mit langsamen Schritten. Nicht aus Vorsicht vor dem Verfall – sondern aus Respekt.



Die hohen Säulen, die weiten Treppen, die offenen Fluchten der Korridore erzählen von einer Zeit, in der hier Gesundheit verordnet wurde wie ein Versprechen. In den 1950er- und 60er-Jahren war Tskaltubo ein Ort der Hoffnung: Menschen aus der ganzen Sowjetunion kamen hierher, um in den radonhaltigen Quellen Linderung zu finden. Auch Medea war Teil dieses grossen Systems – ein Haus der Erholung, aber auch ein Monument des Glaubens an Fortschritt und Fürsorge.






Heute ist davon nur noch eine leise Hülle geblieben.
Der Putz fällt in Schichten von den Wänden, Fenster stehen leer, als hätten sie das Sehen aufgegeben. Und doch ist dieses Gebäude nicht verlassen. Es lebt – auf eine stille, zurückhaltende Weise.



Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Krieg in Abchasien fanden hier Menschen Zuflucht. Vertriebene, die ihre Heimat verloren hatten, haben sich die leeren Räume angeeignet. Zimmer wurden zu Wohnungen, Flure zu kleinen Lebensadern. Hinter manchen Türen ahnt man Alltag: ein Vorhang, ein Schuhpaar, vielleicht Stimmen.
Ich gehe weiter, vorsichtig, beinahe wie ein Gast, der nicht stören möchte.
Es ist diese Gleichzeitigkeit, die mich tief berührt – und auch ein wenig einschüchtert: die Größe der Vergangenheit und die Fragilität der Gegenwart, die monumentale Architektur und das leise, oft unsichtbare Leben darin.
Medea ist kein Lost Place. Es ist ein Ort, der weiteratmet.
Nur wenige Schritte weiter betrete ich ein weiteres Gebäude. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Haus für sich und doch gehört es zu derselben Welt.



Ein Ballsaal öffnet sich, gross und rund, getragen von Säulen. Über mir hängt ein Kronleuchter, schwer und zerbrechlich zugleich, als würde er noch immer darauf warten, dass jemand das Licht einschaltet.
Hier wurde getanzt. Hier wurde vielleicht gelacht, geflirtet, Musik gespielt.
Ich stelle mir vor, wie sich der Raum füllte – Stimmen, Schritte, ein leises Klirren von Gläsern. Heute ist der Boden leer, die Luft unbewegt, nur ein Baum wächst mitten auf dem Parkett. Und doch ist da etwas geblieben, wie ein Echo, das nicht ganz verschwinden will.



Draussen zeigt die Fassade ein anderes Bild. Zwischen den alten, symmetrischen Balkonen hängen Stoffe, Planen, improvisierte Vorhänge. Fenster sind bewohnt, auf ihre eigene, fragile Weise. Das grosse Gebäude hat sich verändert, nicht mehr als Ort der Erholung, sondern als Ort des Ausharrens.


Und plötzlich wird mir klar: diese Häuser sind nicht gefallen. Sie wurden weiterverwendet.
Nicht aus Wahl, sondern aus Not. Nicht geplant, sondern entstanden.
Ich gehe durch diese Räume wie durch zwei Zeiten zugleich, durch das, was war, und durch das, was geblieben ist.


Vielleicht ist es genau das, was mich demütig macht: zu wissen, dass ich hier nur kurz durchgehe, während andere geblieben sind.



Lieber Thomas
Hans andere Welten sind das… und wie gut, auch Sonnenschein zu sehen!
Liebe Grüsse Maria