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25.3.26 Zwischen Zahn, Zeit und Zerfall – Gedanken aus Tiflis

  • tr7079
  • 26. März
  • 3 Min. Lesezeit

Es sind oft die kleinen Dinge, die eine Reise unerwartet erden. Ein abgebrochener Zahn zum Beispiel. Was zunächst wie ein Ärgernis wirkt, wird hier in Tiflis zu einer stillen Erfahrung von Vertrauen und Handwerk. In einer unscheinbaren Praxis, irgendwo zwischen bröckelnden Fassaden und lebendigen Innenhöfen, sitzt mir die Zahnärztin Dr. Marina Berozashvili, gegenüber, konzentriert, ruhig, präzise. Eine Stunde später ist alles wieder ganz. Fast unsichtbar. Fast wie neu. (gekostet hat das mit Röntgenbildern, Ausbohren des abgebrochenen Zahns und Aufsetzen einer neuen Porzellankrone: CHF 52.-).


Und ich denke: wie viel Würde liegt in guter Arbeit, egal, wo auf der Welt.


Doch draussen, in der Stadt, geht es um grössere Formen von Ganzheit. Oder um das, was davon übrigbleibt. Die georgisch-orthodoxe Kirche, tief verwurzelt im Alltag, prägt das Bild und das Denken dieses Landes. Glaube ist hier nicht nur Ritual, sondern Struktur.

Georgisch-Orthodoxe Apostelkirche

Ein Gedanke hat mich besonders beschäftigt: es gibt keine Kremation. Keine Auflösung des Körpers. Und auch keine Praxis, Gräber nach Jahrzehnten neu zu belegen, wie wir es aus Mitteleuropa kennen.

Die Konsequenz ist sichtbar: Friedhöfe wachsen. Still. Unaufhaltsam. Sie werden zu Landschaften der Erinnerung, die nicht weichen. (aus ethischen Gründen habe ich keine Fotos gemacht). Vielleicht ist das auch eine Haltung zur Zeit: Nicht loslassen, sondern bewahren. Nicht neu ordnen, sondern bestehen lassen.


Und dann ist da noch die grosse Ebene der Geschichte.

Bild geliehen von Wikipedia
Bild geliehen von Wikipedia

Eduard Schewardnadse

Eine schillernde Figur zwischen zwei Welten: Aussenminister der Sowjetunion, später Präsident eines unabhängigen Georgiens.

Unter ihm wurden Bildungsinstitutionen gestärkt, zumindest in ihrer Struktur gedacht, Georgien sollte Anschluss finden, modern werden, sich öffnen. Auch architektonisch war dies eine Zeit des Übergangs, zwischen sowjetischer Monumentalität und vorsichtiger Neuorientierung. Er liebte moderne Architektur und die Menschen liebten ihn, letzteres habe ich in stundenlangen Gesprächen mit Georgierinnen erfahren.

Doch heute wirkt vieles davon wie stehen geblieben. Oder schlimmer: verlassen.

Studentenwohnheime, die einst Leben in sich trugen, verfallen.

ehemaliges Studentenwohnheim mit Seilbahn zum Campus
ehemaliges Studentenwohnheim mit Seilbahn zum Campus

Universitätsgebäude, die Bildung versprachen, wirken müde.

der Campus-Neubau zerfällt. Im Hintergrund die Bibliothek
der Campus-Neubau zerfällt. Im Hintergrund die Bibliothek

Und dazwischen stehen Projekte aus neuerer Zeit, die nie wirklich angekommen sind.

Besonders eindrücklich: das Rike Music Theatre (von Massimiliano und Doriana Fuksas) ein futuristischer Bau aus Glas und Stahl, am Ufer der Kura, gleich neben der Friedensbrücke (von Michele de Lucchi). Gedacht als Symbol eines modernen Georgiens.

Und heute? Unbenutzt. Verwaist. Ein architektonischer Traum ohne Leben. Der Zutritt ist nicht gestattet. Ich gehe trotzdem rein, mit aufrechtem Gang, vorbei an den Wachen, als wäre ich in offizieller Mission hier. Drinnen: unglaublich spannende Formen. Langsam verschwindend unter Zentimeter dickem Taubendreck. Es bleibt der Traum.

Vielleicht ist es das, was Tiflis so besonders macht:

Hier existiert alles gleichzeitig. Sorgfalt und Zerfall. Glaube und Stillstand. Handwerk und grosse, unerfüllte Visionen.

Und irgendwo dazwischen sitze ich –mit einem geflickten Zahn und dem Gefühl, dass nicht alles, was zerbricht, verloren ist.


Ein Nachwort zu Schewardnadse:

Zwischen Respekt und leiser Ernüchterung

In langen Gesprächen mit der Georgierin Nana Tskhadadze (ich darf bei Ihr und Marc Darra wohnen) fällt immer wieder sein Name. Und oft schwingt dabei etwas wie Zuneigung mit, fast Dankbarkeit. Kein lauter Jubel, kein unkritisches Lob, eher ein ruhiger Respekt.

Er war der Mann einer Übergangszeit. Einer, der Ordnung brachte, als vieles zerfiel. Einer, der Georgien nach außen öffnete, als die Welt sich neu sortierte. Für viele bedeutete er Stabilität in Jahren, die von Unsicherheit geprägt waren.

Und doch: Wenn ich durch Tiflis gehe, vorbei an bröckelnden Fassaden, an ehemaligen Studentenwohnheimen, deren Fenster leer in den Himmel schauen, dann erzählt die Stadt eine zweite Geschichte. Eine leisere. Eine, die von verpassten Chancen spricht, von einem Staat, der nicht die Kraft fand, sich wirklich zu erneuern.

Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen.

Schewardnadse wird hier nicht einfach geliebt oder abgelehnt. Er ist vielmehr Teil eines kollektiven Gedächtnisses, verbunden mit Hoffnung und mit Enttäuschung zugleich. Eine Figur, die getragen hat, aber nicht weit genug. Eine Zeit, die Halt gab, aber keine Zukunft baute.

Und so bleibt in den Gesprächen ein Ton, der typisch georgisch scheint: Respekt vor dem, was war und ein stilles Wissen darum, was hätte sein können.

 

 
 
 

2 Kommentare


C. Cant.
C. Cant.
26. März

Sehr spannend! Danke😘

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C. Cant.
C. Cant.
26. März

Sehr spannend ! Danke

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