28.3.26 Industrie, Zerfall und ein schwieriges Erbe
- tr7079
- vor 6 Tagen
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Gestern besuchte ich das Stahlwerk GeoSteel in Rustavi, einer Stadt, die untrennbar mit der Industriegeschichte der Sowjetunion verbunden ist. (2 alte Bilder Wikipedia)


Rustavi liegt südlich von Tiflis, nahe der Grenze zu Armenien und Aserbaidschan, und wurde ab den 1940er-Jahren gezielt als Industriestandort aufgebaut. Die Stadt ist kein historisch gewachsenes Gefüge, sondern das Ergebnis einer politischen Entscheidung: Stahlproduktion, Chemie und Schwerindustrie sollten hier gebündelt werden, getragen von einem zentral gesteuerten System.



Über Jahrzehnte hinweg funktionierte dieses System. Rohstoffe kamen aus den Nachbarregionen, insbesondere aus Aserbaidschan, wurden in Rustavi verarbeitet und weiterverteilt. Zehntausende Menschen arbeiteten in den Werken, die Stadt lebte von der Industrie, wirtschaftlich, sozial und strukturell. Alles war darauf ausgerichtet.



Mit dem Zerfall der Sowjetunion änderte sich diese Realität abrupt. Die eng verzahnten Lieferketten brachen zusammen, Absatzmärkte verschwanden, staatliche Unterstützung blieb aus. Was zuvor ein geschlossenes System gewesen war, fiel innerhalb weniger Jahre auseinander. Große Teile der Industrie wurden stillgelegt, Anlagen aufgegeben, Gebäude dem Verfall überlassen. Die kilometerlangen Hallen, die heute leer stehen, sind direkte Zeugnisse dieses Bruchs.

Das heutige GeoSteel-Werk steht in einem deutlichen Kontrast zu dieser Vergangenheit. Es handelt sich um einen modernen Betrieb, der mit Elektroofen-Technologie arbeitet, und vor allem recycelten Stahlschrott zu Armierungsstählen verarbeitet. (Die Elektrizität kommt direkt von den Photovoltaik-Feldern). Die Produktionsmengen sind im Vergleich zum ehemaligen Kombinat viel kleiner, die Strukturen effizienter, international geprägt. GeoSteel wirkt wie ein funktionierender Kern inmitten eines weitgehend stillgelegten industriellen Umfelds.


Doch der sichtbare Verfall ist nur ein Teil der Realität. Was weniger unmittelbar wahrnehmbar ist, sind die langfristigen Folgen jahrzehntelanger Schwerindustrie. Während der sowjetischen Zeit gab es kaum Umweltauflagen, Emissionen wurden selten kontrolliert, Schadstoffe gelangten ungefiltert in Luft, Boden und Wasser. In solchen Regionen ist typischerweise mit einer Belastung durch Schwermetalle und langlebige organische Schadstoffe zu rechnen. Diese Stoffe bauen sich nur sehr langsam ab und können über Jahrzehnte im Boden verbleiben.



Rustavi gilt bis heute als einer der am stärksten belasteten Industriestandorte Georgiens. Die Sanierung solcher Flächen ist technisch möglich, aber aufwendig und kostenintensiv. Entsprechend bleibt vieles bestehen – sichtbar im Zustand der Anlagen, unsichtbar im Untergrund. Nana sagt: hier darfst du auf keinen Fall Gemüse kaufen, denn die lokalen Bauern bauen alles auf diesen kontaminierten Böden an.
Die Lage der Stadt verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Rustavi liegt in einer Region, die früher wirtschaftlich eng verbunden war. Innerhalb der Sowjetunion spielten nationale Grenzen eine untergeordnete Rolle; Rohstoffe, Energie und Produkte zirkulierten in einem gemeinsamen System. Heute trennen politische Grenzen diese Räume, während die industrielle Infrastruktur weiterhin von ihrer ursprünglichen Vernetzung erzählt.

Der Besuch in Rustavi zeigt damit zwei Ebenen zugleich: Einerseits den Versuch eines wirtschaftlichen Neubeginns in Form moderner, kleinerer Betriebe wie GeoSteel. Andererseits ein großflächiges industrielles Erbe, das nicht einfach verschwindet. Die Dimension der alten Anlagen, ihr Zustand und die vermutete Belastung des Bodens machen deutlich, wie tiefgreifend die Eingriffe in Landschaft und Umwelt gewesen sind.
Rustavi ist kein Einzelfall, sondern ein typisches Beispiel für eine sogenannte Mono-Industriestadt – aufgebaut für einen einzigen Zweck, abhängig von einem System, das nicht mehr existiert. Was bleibt, ist eine Stadt im Übergang: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Nutzung und Aufgabe, zwischen sichtbarem Verfall und unsichtbaren Folgen.




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