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Durch das wilde Tal des Pülümür – Begegnungen zwischen Fels und Volkslied

  • tr7079
  • 1. Mai 2025
  • 2 Min. Lesezeit

(1.5.25) Der Weg von Tunceli nach Erzincan ist kein gewöhnlicher Übergang, sondern eine Reise durch eines der tief eingeschnittensten und gleichzeitig stillsten Täler Anatoliens: das Tal des Pülümür Çayı. Der Fluss bahnt sich seinen Weg durch schroffe Felswände, begleitet von knorrigen Bäumen, die selbst auf kargem Stein Wurzeln schlagen. Eine Landschaft, die wild ist, herb, von fast rauer Schönheit – und doch voller Leben.

Immer wieder tauchten entlang der Straße kleine Militärposten auf – Zeugen der angespannten Vergangenheit dieser Region. Doch überall wurde ich freundlich durchgewunken, mit einem Kopfnicken, manchmal einem Lächeln. Eine stille Geste der Normalität in einem Landstrich, der gelernt hat, mit Wunden zu leben, ohne die Hoffnung zu verlieren.

In Erzincan, auf gut 1100 Metern Höhe, dann ein Szenenwechsel: friedliche Maifeier im zentralen Park. Familien auf Bänken, flatternde Fahnen, Kinder mit bunten Ballons. Ich setze mich mitten in eine Gruppe älterer Männer. Ihre Gesichter gegerbt vom Leben, die Hände ruhig, der Blick offen.

Einer von ihnen, mit sanfter Stimme und einem Anflug von Schalk in den Augen, schenkte mir ein Lied. Keine Gitarre, keine Bühne – nur Stimme und Erinnerung.

„Yüce dağların başında seni severdim,

ne zaman gittinse arar bulurdum,

yavrum senin için can verirdi.“

Ein Lied von der Liebe, von Sehnsucht, von den Bergen, die all dies in sich tragen. Ich verstand alles, denn er sang direkt in meine DEEPL-App. Es war eines jener seltenen Geschenke, die sich nicht in Händen, sondern nur im Herzen tragen lassen.

Und so blieb mir vom 1. Mai in Erzincan nicht die Politik, nicht die Parolen – sondern ein Lied, das zwischen hohen Bergen geboren wurde und in einem kleinen Stadtpark weiterlebte. Ein fremder Mann sang für mich, als wäre ich ein alter Freund. Und ich ging weiter – begleitet vom Echo seiner Stimme und dem Gefühl, dass Menschlichkeit oft dort aufblüht, wo man sie am wenigsten erwartet: zwischen Kontrollposten und Kiefern, zwischen Schweigen und Gesang.

 
 
 

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